
.jpg)
Knoten Stein Papier
Die Schmuckdesignerin Saskia Diez hat mit ihren poetischen, intelligenten Entwürfen die angesagtesten Design- und Modeshops der Welt längst erobert. Mit einer Kollektion von Taschen aus Papier wagt sie sich nun auf neues Terrain. CUT hat die Künstlerin in ihrem Showroom besucht.
text anna Schäffel | fotos Fabian Beger
Sie wirkt fast zerbrechlich zart und doch zupackend und energiegeladen. Saskia Diez’ Händedruck ist fest bei der Begrüßung, sie telefoniert noch kurz mit mit ruhiger Stimme, regelt einen Termin und schaukelt dabei ihren zwei Monate alten Sohn Nikolaus im Kinderwagen in den Schlaf. Im Showroom wird eine Lammfelldecke kurzerhand als Sitzunterlage benutzt, Stühle gibt es in dem kühlen, geradlinigen Raum keine. Wenn Saskia spricht, ist ihre Stimme sanft, die Augen strahlen dabei. Sie beschreibt ihre neuesten Entwürfe, die Taschenserie „Papier“ und wird schnell begeistert, als sie die einzelnen Modelle zeigt, schneeweiße, federleichte Taschen, die sich anfühlen, als könnten sie nicht mal das Gewicht eines Kaschmirpullis tragen. Die Objekte wirken auf den ersten Blick eher wie ein Kunstprojekt denn ein einsetzbares Accessoire. Doch die filigranen Shopper und Weekender haben sogar den ultimativen Härtetest überstanden: Am Flughafen als Gepäckstück aufgegeben lagen sie zwar nicht mehr ganz so reinweiß auf dem Rollband, wie sie ursprünglich aussahen, waren aber völlig intakt. Genau das macht wohl auch den Reiz dieser Serie aus: Sie zeigt die Spuren ihrer Behandlung, macht Umwelteinflüsse sichtbar. Das Material, Tyvek, ist streng genommen gar kein Papier, sondern eine Kunstfaser, die sich wie Papier verhält. Versandunternehmen nutzen das dichtfaserige Gewebe für ihre Paketumschläge, auch im Brandschutz wird das extrem strapazierfähige, wasserfeste Material eingesetzt. Ebenso wie Papier, der Untergrund für künstlerische Experimente schlechthin, lässt sich auch Tyvek bemalen. In Dubai sind die Taschen von Saskia Diez, die sie in einer Zusammenarbeit mit ihrem Mann, dem Designer Stefan Diez entwickelt hat, sogar in einer Special Edition mit einem Satz Filzstifte erhältlich. Gebrandet sind die Taschen mit einem kleinen Sterlingsilber-Plättchen, in den ein Diamant graviert ist – Saskias Markenzeichen und ein dezenter Verweis auf den Schwerpunkt Ihrer Arbeit: das Schmuckdesign. „Mein Schmuck soll schmücken“ In diesem Bereich hat sich die 32-jährige mittlerweile gut etabliert, ihre Entwürfe sind weltweit in etwa 40 Shops erhältlich, darunter Colette in Paris und Moss in New York. Eine Tokioter Galerie wird im Herbst eine große Einzelausstellung mit Saskias Schmuck präsentieren. Für so viel Hype sitzt die zierliche Designerin erstaunlich relaxt in ihrem Showroom in der Münchner Geyerstraße, Baby Nikolaus, ihr drittes Kind, schläft mittlerweile zufrieden auf ihrem Arm. „Mein Schmuck soll schmücken“, ist ihre Meinung. Keine Kunstobjekte will sie schaffen, sondern tragbare, intelligente, überraschende Stücke. „Ich muss nicht akademisch arbeiten – es ist mir lieber, die Leute mögen meine Stücke.“, sagt sie, angesprochen auf die Kluft zwischen Kunst und Kommerz. Für die aktuellste Serie „Big Knots“ hat sie sich von alten chinesischen Knoten und Kordelbindungen inspirieren lassen. Dass sie für die auffällig großen Knoten dieser Kettenserie aus Sterlingsilber viel mehr Material braucht, als eigentlich nötig wäre, macht für die gelernte Goldschmiedin einen zusätzlichen Reiz aus. Im Inneren der Knoten befindet sich ein versteckter Mechanismus, um die Länge der Kette zu verstellen. Zier und Funktion kombiniert: Eine Idee, die sich in vielen Arbeiten wieder findet. Wo liegt die Grenze zwischen Design und Nutzen? Dieser Frage stellt sich Saskia immer wieder. Das Ergebnis sind dann zum Beispiel dekorative Perlen, die als Verschlusssystem fungieren. „Details sind keine Details. Sie entscheiden das Design.“ Dieser Leitgedanke von Charles Eames passt auch auf Saskia. Inspiration beim Mittagsschlaf „Oft ist es schwierig, den Anfang einer Idee zu lokalisieren.“, erklärt sie. Deshalb lässt Sie sich oft von der Vielfalt ihres Alltags inspirieren – von Details, Bewegungen, Materialien, Menschen oder auch kleinen Fehlern und Unstimmigkeiten. Ganz bewusst verzichtet sie auf wirkliche Research-Arbeit: „Ich will nicht, dass sich Ideen oder Arbeiten von irgendjemandem als Bild in mir festsetzen. Relativ viel passiert in meinem Kopf, während ich beispielsweise eines der Kinder im Kinderwagen in den Schlaf schiebe. Wenn ich alleine unterwegs bin, ist der Kopf frei für neue Entwicklungen.“, lacht sie. Für die Holzperlenserie „Wood“ diente der Plastik- Kinderschmuck ihrer fünfjährigen Tochter Selma als Vorlage: Die Armbänder und Ketten erinnern auf den ersten Blick an billigen Kaugummiautomatentand. Bei genauerem Betrachten bestechen die Stücke durch leuchtende Farben auf perfekt geschliffenem Holz – hochwertige Verarbeitung ist das Nonplusultra für die Designerin. Obwohl Saskia Diez mit erfahrenen Goldschmiedebetrieben, Steinschleifernwerkstätten und Giessereien zusammenarbeite, bindet sie beispielweise die Knoten für „Big Knots“ noch immer selbst. „Ich bin immer noch auf der Suche nach jemandem, der das in meinem Sinn ausführen kann.“, erklärt die offensichtliche Perfektionistin mit leisem Bedauern. Viele von Saskias Entwürfen beschäftigen sich mit der Authentizität eines Werkstoffs und den Möglichkeiten der Verfremdung. Für „Diamonds“, ihre erste Serie, ließ sie Bronze in Form von geschliffenen Smaragden oder Diamanten gießen. Die nicht ganz leichten Armbänder werden anschließend vergoldet oder versilbert, auch Modelle aus durchgefärbtem Glas mit Diamantschliffoptik gibt es. Passend dazu hat Saskia kürzlich die Serie „Pavé“ entwickelt: Armbänder, die an Artdeco-Schmuck erinnern. Die Armbänder und Ketten aus der Serie „Superfine“ wirken auf den ersten Blick wie hauchdünne Bindfäden, sind aber tatsächlich aus extrem filigranen Gold- oder Silberketten. Durch wechselseitig funktionierende Verschlüsse können die einzelnen Teile miteinander kombiniert und in ihrer Länge variiert werden. Statt der herkömmlichen Interpretation von Schmuck, nämlich sichtbaren Luxus zu schaffen, findet hier fast das Gegenteil statt. Die Stücke der Serie hinterlassen nur einen Hauch von Glanz, der auf der Haut schimmert. Für „Knots“ ließ sie sich von funktionalen Knoten aus der Welt der Seefahrt inspirieren. Die Idee, statt banaler Taue feine Ketten zu knoten kam ihr in einem Fachgeschäft für Segelbedarf. Der Gedanke war: Was passiert, wenn man statt robustem Hanfmaterial filigrane Silber- und Goldketten knotet? Das Ergebnis sind zarte, hintergründige Schmuckstücke, die trotz ihrer Unauffälligkeit eine eindrückliche Wirkung haben. „Totaler Zufall“ Wenn Saskia erzählt, wie sie zum Schmuckdesign gekommen ist, muss sie lachen. „Eigentlich war es totaler Zufall.“ 2006 entwarf ihr Mann Stefan Diez für den Kölner Möbelsalon eine Musterwohnung. Saskia, die nach ihrer klassischen Goldschmiedeausbildung Industriedesign studiert hatte und unter anderem für Rosenthal und Konstantin Grcic arbeitete, steuerte für die Badezimmerablage einige Armbänder bei, die sie als Beitrag für einen Wettbewerb entworfen hatte. Das Thema des Wettbewerbs war „Frauen und Sport“, die Armbänder, die sie entwickelte, waren aus Eisen gegossen und so schwer, dass sie als Trainingsobjekt funktionieren sollten. „Eigentlich untragbar“, sagt die Designerin heute. Der Einkäufer eines New Yorker Designgeschäfts war trotzdem begeistert von dem Schmuck und wollte ihn in seinem Store verkaufen. Innerhalb von wenigen Monaten (und hochschwanger) schaffte Saskia es, das Material zu optimieren. Eine geeignete Produktionsstätte findet sie während einer Nacht und Nebel-Aktion in Tschechien, bei der die Grenzbeamten sie mit dem Säugling fast nicht hätten passieren lassen. Doch der Stein ist ins Rollen gebracht, die erste Kollektion liegt kurz danach in einigen ausgewählten Shops. Obwohl Saskias Schmuck inzwischen auf der ganzen Welt erhältlich ist, ist ihr Unternehmen noch immer eine „Oneman-Show“, wie sie es formuliert. Von der Idee über die ersten Muster, an denen sie an einer kleinen, uralten Werkbank herumtüftelt, bis zur Koordination der Produktion und der Verkäufe, managt sie alles alleine. „Eine tolle Erleichterung, dass der Paketdienst mittlerweile kommt, um die Onlineshopbestellungen abzuholen.“, grinst sie. In ihrem Atelier finden sich, sorgsam an die Wand gepinnt, ihre Inspirationen, Modellstücke und Muster. Aus Papier hat sie Ideen für „Pavé“ entwickelt, mit Gummibändern verschiedene Knotentechniken ausprobiert, aus Kupferdraht Muster für Armreifen geformt. Zuletzt bastelte sie an der Wirkung von Pailletten, die normalerweise als Beiwerk auf Kleidung eine eher untergeordnete Rolle spielen. Für ihren Paillettenschmuck setzt sie Sterlingsilberplättchen ins Zentrum: An Ohrringen oder Ketten baumeln filigrane Scheibchen und geben der Paillette einen neuen Status. Eher ernsthaft geht Saskia Diez ans Werk, wenn sie eine neue Idee entwickelt. Sie recherchiert, stellt Versuche an, bedient sich historischer oder kultureller Kontexte. Der Schmuck, der das Ergebnis ist, wirkt dann trotz seiner Geradlinigkeit immer ein wenig poetisch und verspielt. Mit Preisen, die zwischen 40 und 300 Euro liegen, passen die Stücke perfekt in eine Zeit, die, rezessionsgebeutelt, nach Individualisierungsmöglichkeiten sucht, die innovativ und bezahlbar sind.
10 / 2009, portrait

