

KUNST
Erst mit ihnen fühlt man sich vollständig:
Ohrringe geben dem Aussehen den letzten Schliff
Sie sind wir beste Freundinnen – immer zu zweit. Mal wagen sie den großen Auftritt, mal geben sie sich schlicht und seriös. Oder sie sind ein einziger Witz, billig, aber durchaus reizvoll. Gern verbinden sie sich mit diesem oder jenem Material. Sie schmiegen sich leidenschaftlich an oder lassen sich hängen, einfach so, frei und frech. Fast jede Frau unterhält eine enge Beziehung zu ihnen und auch so mancher Mann. Manchmal hält die Verbindung sogar ein ganzes Leben. Es geht einfach nicht ohne sie. Denn irgendwann braucht sie jeder: Ohrringe.
Die meisten Frauen kennen das Problem: sich morgens für die zu Kleidung, Anlass und persönlicher Tagesform passenden Ohrringe entscheiden zu müssen. Denn natürlich besitzen die meisten unzählige Parre; also hat frau tagtäglich die Qual der Wahl. Und das Spektrum ist allemal breit. Es reicht von opulenten Gehängen, kleinen Figuren, Klipps, Kreolen, und Hippie-Anhängern bis zu technoiden oder poetisch-naturnahen Designer-Entwürfen, Diamanten oder klassischen Perlen. Ganz gleich, ob aus dem Kaugummiautomaten oder sündhaft teuer – sie geben allesamt ihr Bestes, um uns, je nach Stimmung, extravagant oder konventionell, schrill oder gediegen, als Gattin oder Vamp erscheinen zu lassen.
Neben Duft und Kleidung ist nichts so unmittelbar mit dem Körper verbunden wie der Schmuck. Dabei wirde der Ring als das symboltrachtigste Schmuckstück angesehen, gefolgt vom Ohrschmuck der den Körper nicht nur dekoriert, sondern tatsächlich durchdringt – weshalb Ohrringe, anders als etwa Broschen, stets etwas Intimes und Vertrautes haben. Zudem korrespondiert Ohrschmuck unmittelbar mit der aussagekräftigsten Parie des Körpers: dem Gesicht. Er setzt Akzente oder lenkt von kleinen Makeln ab. Vor allem aber unterstreicht er die Persönlichkeit und erlaubt es seiner Trägerin, mit allerlei historischen oder kulturellen Codes zu spielen.
Von jeher hatte Schmuck mehr zu erfüllen als dekorative Funktionen. Ob er es erlaubt, Reichtum, Status oder Macht jederzeit und überall zur Schau zu stellen, ob er hilft, einen extravaganten Geschmack zu betonen oder zu demonstrieren, dass seine Trägerin ein ironisches Spiel mit Glanz und Glamour spielt – stets steckt im Schmuck auch eine Aussage. So trugen beispielsweise Seeleute deshalb einen goldenen Ohrring, weil dessen Gegenwert einem christlichen Begräbnis entsprach – schließlich kann man ja nie wissen, wann es einen erwischt.
Ob millionenschwere Klunker oder billiger Strass: Schmuck trägt erheblich zum Selbstbewusstsein bei. Was Andy Warhol einst treffend mit den Worten kommentierte: „Jewellery doesn’t make a person more beautiful, but it makes a person feel more beautiful“. Wer sich schmückt, der fühlt sich schön. Und das Letzte, was man sich anlegt, wenn man sich hübsch macht, sind die Ohrringe. Sie geben unserem Aussehen den letzten Schliff. Erst mit ihnen fühlt man sich vollständig. Und das macht sicherer, attraktiver. Die Liste klassischer Ohrgehänge mag noch so lang sein, es gibt immer wieder Goldschmiede und Schmuckdesigner, die das Repertoire variieren oder erweitern. So sind in den letzten Jahren einige junge Designerinnen und Designer aufgetaucht, die das Genre neu belebt haben. Demonstrativ haben viele von ihnen auf die gängigen Zeichen für Luxus und auf aufwändige, kostspielige Einzelstücke verzichtet und formal reduzierte Kreationen entworfen, die Einflüsse aus Mode, Kunst und Design aufnehmen und eine eigenwillige Verbindung von Zeitgeist und Zeitlosigkeit eingehen.
Zu den spannendsten Schmuckdesignern gehört gegenwärtig die Münchnerin Saskia Diez. Nach einer Goldschmiedelehre hatte sie schon bald das Gefühl, ihr werde die traditionelle Welt des Schmucks zu eng. Sie beschloss Industriedesign zu studieren. Eher durch einen Zufall führte sie ihr Weg wieder zurück zum Schmuckdesign. Ihre Entwürfe lassen die Perspektive des Industriedesigns deutlich erkennen. Sie bestechen durch Klarheit und intelligente Simplizität, spielen mit Tradition und Moderne und stellen die Grundsätze, nach denen einzelne Schmuckstücke hergestellt werden, bewusst infrage: Muss ein Ring in sich fest und geschlossen sein? Kann ein Verschluss auch Verzierung sein? Trotz ihrer bewussten, ernsthaften Herangehensweise mangelt es den Entwürfen von Saskia Diez nie an Feinsinnigkeit und Poesie.
„Fine“ heißt eine ihrer Serien, zu der Ohrringe in Form von hauchfeinen Silber- oder Goldkettchen gehören, deren Enden in kleine Stäbchen münden, die dem Gesicht einen glänzenden Akzent verleihen. Bei den Ohrringen der „Fine Extensions“- Kollektion wird der Effekt durch die Länge und die Bündelung mehrerer Kettchen noch einmal verstärkt, ohne dass sie etwas von ihrer zarten Wirkung verlieren würden – sie strahlen schlicht eine große Eleganz aus.
Für die Bodysign Kollektion des Frankfurter Goldschmieds Marc-Jens Biegel entwarf Saskia Diez 2006 gemeinsam mit ihrem Mann Stefan Diez die Schmuckserie „Oyster“, ein System, bestehend aus Kette, Ring und Ohrring, bei dem alle Teile aus einem einzigen Element entwickelt wurden: einer mit drei Löchern versehenen Goldscheibe, die, wird sie zum Ring oder Ohrring gefaltet, zur Fassung einer Perle wird, die sie sanft wie eine Auster umschließt und festhält.
Auch Konstantin Grcic entwarf für die Bodysign Kollektion eine Schmuckserie, die sich ebenfalls aus ein und derselben Grundform entwickelt. „Grand Prix“ hat er die Serie genannt, die aus Kette, Armband und Ohrringen besteht. Hierzu wählte Grcic Kettenglieder, die er formal überarbeitete und neu interpretierte. Dabei überführte er den gewöhnlicherweise runden Querschnitt eines Kettengliedes in einen rechteckigen. Überdies längte er die Form der einzelnen Elemente, wodurch diese eine technoide Anmutung bekommen, wobei sich Grcic von den sogenannten „Langloch“-Öffnungen aus dem Handwerk anregen ließ und dabei auf eigene Erfahrung zurückgriff, die er von seinem Studium am Royal College of Art während einer Lehre als Möbelschreiner sammeln konnte. Die Ohrringe setzen sich schlicht aus zwei ineinanderhängenden Gliedern von unterschiedlicher Größe zusammen, deren oberes zu zwei Dritteln massiv ausgeführt ist.
Die molekulare bzw. biochemische Struktur der menschlichen Natur inspirierte den Designer Uwe Fischer zu seiner Schmuckserie, ebenfalls für Marc-Jens Biegel. Der Titel „Molecular“ ist gleichsam selbsterklärend: Grazile Verästelungen goldener Stäbchen, an deren Enden kleine Perlen gesetzt sind, illustrieren eine einfache Molekularstruktur. Der Ohrring besteht aus einem goldenen Molekül mit drei kleinen Perlen anstelle von Atomen – Gott sei Dank sind die zumindest sichtbar! Bleibt ein Problem: Nimmt man die Ohrringe dauerhaft heraus, bleiben kleine Löcher zurück. Fehlstellen, die sich nur langsam schließen. Aber so ist das nun mal, wenn gute Freundinnen gehen. Claudia Beckmann
10/2008
