[skip to main content]

MINI Magazin, April 2010

Sie entwirft Schmuck, er gestaltet Möbel: Die Designer Saskia und Stefan Diez leben und arbeiten zusammen. Auch die neueste Kreation des Paares ist ein Fall für zwei.

Es sieht so leicht aus, was Saskia und Stefan Diez zusammen schaffen. Leicht wie eine Einkaufstüte. Gerade mal 135 Gramm wiegt die Reisetasche aus der Kollektion "Papier" der Schmuckdesignerin Saskia Diez, was so viel ist wie das Gewicht eines mittelgroßen Apfels. Trotzdem ist der Weekender erstaunlich stabil und laut Beschreibung seiner extradünnen Kunstfaser mit Papierhaut auch noch "waterproof, tearproof" und zu hundert Prozent recycelbar. Moderne Talente, für die das Gemeinschaftsprojekt des Kreativpaares aus München mit dem Deutschen Designpreis 2010 ausgezeichnet wurde.

"Was ist schon wichtig?", meint Stefan Diez lakonisch auf die Frage, was es eigentlich sei, das so oft und für alles bemühte "Design" - ein Lebensgefühl, das Schicke am Nützlichen, Notwendigkeit? "Design ist Bestandteil unseres kulturellen Ausdrucks. Wie Kunst, Filme, Musik. Es geht nicht nur um den formalen Aspekt, sondern um die Gesamtkonzeption eines Produktes", meint der 38-jährige Industrie- und Möbeldesigner, der für Firmen wie Wilkhahn, Moroso, e15, Authentics und Thonet entwirft. Und dann oft einen Preis kassiert, für seinen Stuhl "Chassis" (Wilkhahn) in Space-Frame -Technologie aus der Automobilindustrie zum Beispiel oder für den "404" (Thonet), einen innovativen Bugholzstuhl mit schwebender Sitzschale. Seit Kurzem lehrt Stefan Diez auch als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Wie eine Wolke hängt die Konzentration unter dem Plexiglasdach im großen Hinterhofatelier. Am liebsten möchte man ja auf Zehenspitzen gehen, obwohl es eigentlich nur wie in einer ordentlichen Werkstatt aussieht. Stefan Diez sitzt mit einem von fünf Mitarbeitern am großen Tisch und diskutiert. "Perfektion hat viel mit Konzentration zu tun" ist auch so ein typischer Satz. Saskia Diez lächelt, zuckt mit den Schultern, was soviel heißt wie: Hat jetzt keinen Sinn, zu stören. Gehen wir lieber nach vorne. "Stefans Produkte sind viel komplexer als mein Schmuck. Bei ihm geht es um große Investitionen und Serienproduktionen mit langer Entwicklungszeit. Meinen Schmuck entwerfe ich spielerischer. Da inspiriert mich ein Knopf an der Jacke meiner Tochter oder ein Seemannsknoten auf einem Foto. Ich zeichne sofort los oder probiere gleich ein Modell."

Die attraktive 33-Jährige mit dem Jean-Seberg-Schnitt hievt Baby Nikolaus in den Tragegurt, mit sechs Monaten das jüngste der drei Diez-Kinder, und geht die wenigen Schritte voraus zum Vorderhaus, wo ihr Shorwoom an der Geyerstraße 20 im Münchner Glockenbachviertel liegt. Darüber ist gleich die Wohnung. Das Atelier ist ein heller eleganter Raum mit Sideboards aus Edel-Eiche (Design: Stefan Diez), in deren flachen Schubläden der Schmuck ausliegt.

"Heute bin ich sehr froh über meinen eigenen Weg mit dem Schmuckdesign. Es ist gut für uns, dass wir in verwandten, trotzdem unterschiedlichen Szenen arbeiten." Die gelernte Goldschmiedin hatte den Gold-Weg nämlich längst verlassen, um Industriedesign zu studieren, als sie ihren Mann vor sechs Jahren bei einer Vernissage in Frankfurt kennenlernte. Er war zuvor an der Stuttgarter Akademie, hatte bei dem Designer Richard Sapper assistiert und - wie sie auch - mit dem Münchner Konstantin Grcic gearbeitet, bis er2003 sein eigenes Studio eröffnete. Gemeinsame Projekte habe es eigentlich sofort gegeben, erklärt Saskia Diez. Nicht offiziell, sondern ganz natürlich, weil man zusammen lebt, sehr ähnlich denkt, tickt und, wie sie sagt, "sich aüßerdem in der Ernsthaftigkeit des Arbeitens sehr ähnlich ist". Streit oder unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie etwas aussehen könnte, gibt es nicht. Die Familie lebt mit seinen Möbeln, er trägt ihren großen Silberbutton an der Jacke.

"Intelligent simplicity", loben die Galeristen und Modemagazine, ordern ihre filigranen, offenen Kettenschnüre oder bronzeschweren Armbänder, deren gold- oder silberbezogene Metallglieder wie große Edelsteine geschliffen sind. 

Wenn Stefan Diez die Arbeit seiner Frau beschreiben soll, meint er: "Alle Entscheidungen werden schnell und autark von Saskia selbst gefällt. Ich wünsche mir das manchmal für meine Arbeit. Im Möbelbereich gibt es so viel Historie, die wie der Heilige Gral gehütet wird. Es fällt vielen Unternehmen schwer, diese Geschichte für sich zu nutzen, ohne dabei an Kraft für neue Projekte zu verlieren."

Die Nähe zur kurzlebigen Mode findet Saskia Diez völlig in Ordnung. Und der gefragte Industriedesigner, der manchmal drei Jahre lang an einem neuen Stuhl tüftelt, sagt: "Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft mehr für das Label meiner Frau zu arbeiten."

Am liebsten innovative, kluge Dinge, die ganz leicht aussehen.

Text: Barbara Kraus

Fotos: Robert Fischer     

 


 

Beziehungsweise Designer